Alles spielt verrückt in der 2. Handball-Bundesliga, Woche für Woche. Lediglich vier Punkte liegen zwischen dem normalerweise gesicherten Mittelfeld auf Platz neun und dem ersten Abstiegsplatz auf Rang 17.


„So eng beieinander habe ich das auch noch nie erlebt“, sagt Daniel Eblen, Cheftrainer der HSG Konstanz. Am Samstag, 20 Uhr, empfängt er mit seiner jungen Mannschaft, die zu den jüngsten der 2. Bundesliga gehört, die älteste. Der Wilhelmshavener HV verfügt mit einem Durchschnittsalter von 27,4 Jahren über jede Menge Erfahrung sowie einige ganz große Namen – und über 24 Punkte, genauso viele wie Konstanz.

Seit 2011 ist die 2. Bundesliga eingleisig und seitdem haben 27 Punkte immer zum Klassenerhalt gereicht. Dazu stiegen nur einmal vier Mannschaften sportlich ab, in den anderen Jahren war der Viertletzte immer durch Lizenzierungssanktionen gerettet. In diesem Jahr wird beides mit großer Wahrscheinlichkeit anders werden, denn auch die kürzlich offen gewordene 360000-Euro Lücke im 1,4-Millionen-Etat der HSG Nordhorn-Lingen schrumpft vor der Entscheidung der Lizenzierungskommission der HBL deutlich. „Die Aufsteiger sind ja mit Schuld an dieser besonderen Situation in diesem Jahr“, lächelt Daniel Eblen trotz der angespannten Situation für die halbe Liga. „Da ist keiner abgefallen, einer spielt sogar ganz oben mit und die anderen drei sind auch gut im Geschäft. Das war auch schon anders.“

In der Tat, denn im eingleisigen Bundesliga-Unterhaus konnten nur einmal drei Aufsteiger die Klasse halten, alle vier konnten am Saisonende noch nie den Ligaerhalt feiern. Für den HSG-Coach spricht neben der Stärke der Aufsteiger allerdings noch ein zweiter Umstand für die extreme Ausgeglichenheit der Liga: „Neben dem TuS N-Lübbecke haben wir keine richtig überlegene Mannschaft, dadurch rückt alles noch enger zusammen.“ Wilhelmshaven als der nächste Gegner seiner Mannschaft hat eine sensationelle letzte Saison als Zweitliga-Aufsteiger hinter sich. Mit dem sechsten Platz wurden an der Nordseeküste alle Erwartungen übertroffen.

Völlig überraschend kam das gute Abschneiden des erfahrenen Teams, das sechs Jahre lang auch in der 1. Bundesliga spielte, allerdings nicht. Denn auch im nun achten Zweitliga-Jahr hütet etwa mit Adam Weiner (42) ein Vizeweltmeister von 2007 – damals mit Polen Gegner der deutschen Auswahl im Finale beim sogenannten Wintermärchen – das Tor des WHV. Dazu steht mit René Drechsler  (262 Tore in der letzten Saison) ein von den Managern und Trainern der Zweiten Liga zum Spieler der Saison 2015/16 gewählte Shooter, der derzeit zwar verletzt ist, jedoch vom niederländischen Nationalspieler Kay Smits hervorragend vertreten wird. „Das ist bei ihm seitdem eine echte Leistungsexplosion“, hat der HSG-Coach beobachtet.

Drechsler wurde als MVP der letzten Saison dabei sogar noch von seinem Mannschaftskollegen Tobias Schwolow – einem sehr guten Freund von Nationaltorhüter Andreas Wolff – übertroffen, der mit 266 Treffen drittbester Torschütze des Bundesliga-Unterhauses wurde. Eblen: „Schwolow ist ein ganz wichtiger Spieler für Wilhelmshaven. Er ist nicht nur extrem torgefährlich, sondern organisiert auch noch das Spiel des WHV.“ Im sechs Nationen umfassenden Profikader des WHV warnt der A-Lizenzinhaber zudem vor dem Slowaken Lukas Kalafut sowie dem erst im Winter kurzfristig nachverpflichteten niederländischen Nationalspieler Duncan Postel für die Kreisläuferposition. Nicht zu vergessen Lukas Mertens. Der pfeilschnelle Linksaußen, Kollege von HSG-Keeper Stefan Hanemann in der Junioren-Nationalmannschaft, hat sich einen Kindheitstraum erfüllt. In der nächsten Spielzeit wird er für den SC Magdeburg in der stärksten Liga der Welt als Handball-Profi auflaufen.

Fünf Siege aus den letzten sieben Spielen zeigen denn auch das große Potenzial, das im internationalen Kader des Teams aus der 76000-Einwohner-Stadt am Jadebusen und heute größten Standort der Marine, seit Umsetzung des neuen Bundeswehrstationierungskonzepts 2011 auch mit Abstand größter Standort der Bundeswehr, schlummert. „Da haben sie gezeigt, was für eine Qualität auf allen Positionen in diesem Kader steckt“, weiß Eblen zu berichten. Im Duell mit dem Ex-Erstligisten muss er auf einen weiteren Langzeitverletzten verzichten. Nach einem im Training erlittenen Bänderriss fällt auch Rechtsaußen Fabian Maier-Hasselmann noch mehrere Wochen aus und reiht sich ein in die Liste mit Sebastian Bösing, Manuel Both und Alexander Lauber, während Junioren-Nationaltorwart Stefan Hanemann bereits in den Startlöchern steht und in den nächsten Wochen sein Zweitliga-Debüt geben könnte. Auch Simon Flockerzie ist nach einer Grippe auf dem Weg der Besserung, ein möglicher Einsatz wird sich jedoch erst kurzfristig entscheiden.

Indes erinnert sich der gebürtige Konstanzer Daniel Eblen gerne an das Hinspiel, das nach einer deutlichen Führung am Ende noch einmal richtig eng wurde, aber schließlich doch mit 27:26 gewonnen werden konnte. „Das war für uns schon besonders“, erzählt er noch immer mit leuchtenden Augen, „eine lange Reise mit Übernachtung, dann ein extrem spannendes Duell, am Ende eine Parade von Konstantin Poltrum und als Neuling schließlich die riesige Freude über einen großen Coup.“ Mit Blick auf das Rückspiel gegen den hochkarätig besetzten Gegner fügt er entschlossen an: „Es gibt gar keinen Grund, dass diese Begeisterung, mit der wir in die Saison gegangen sind, nicht weiter gelten sollte. Wir sind immer noch ein Aufsteiger, spielen immer noch eine gute Rolle – und wir gehen einfach immer weiter mit jeder Menge Freude unsere Aufgaben an.“

Stark gemacht hat die HSG Konstanz, so ihr Trainer, dass sich die Mannschaft immer wieder neu auf jedes Spiel gefreut und Niederlagen schnell abgehakt habe. Damit dies gegen die Niedersachen am Samstag auch zum nächsten Erfolg reicht, müssen seine Schützlinge wieder enger in der Abwehr stehen und sich nicht so weit auseinanderziehen lassen wie in Saarlouis. „Wir müssen näher am Gegner sein, im Eins-gegen-Eins stabiler agieren“, so der 42-Jährige. „Um Wilhelmshaven richtig einzuordnen nutzt es in dieser verrückten Liga gar nichts, auf die Tabelle zu sehen. Wir wissen um die Qualitäten des WHV und müssen versuchen, unser Spiel durchzubekommen. Wenn die zwei Punkte dann in Konstanz bleiben würden, wäre das eine riesen Sache.“ Am liebsten würde er den Coup aus dem Hinspiel wiederholen und zusammen mit den eigenen Fans feiern. „Wie sehr uns die Halle unterstützt ist schon etwas Besonderes“, strahlt Eblen angesichts der Begeisterung rund um die HSG und die ihn für die tägliche harte Arbeit belohnende Unterstützung. „Das freut uns alle, wie sehr die Region hinter uns steht. Wir wollen gerne etwas zurückgeben.“

Beim Heimspiel gegen den Wilhelmshavener HV findet im Foyer der Schänzle-Sporthalle ein Ticket-Vorverkauf für den Bundesliga-Superball am 15. April statt. Nur im Vorverkauf gibt es die vergünstigen Eintrittskarten für 18 Euro bzw. 13 Euro (ermäßigt) statt 20 Euro bzw. 15 Euro (ermäßigt) an der Tageskasse.

HSG Konstanz  Wilhelmshavener HV

Zum Seitenanfang