HSG Konstanz Weihnachten 2600 Kilometer unterwegs.


Alle lagen sie sich in den Armen bei der HSG Konstanz, auf der Tribüne und auf dem Spielfeld sowieso. Nach dem zweiten Sieg in Folge war die Freude über den Coup gegen den zuvor sieben Spiele ungeschlagenen TUSEM Essen riesengroß. Doch so groß der Jubel auch war, genauso schnell wurde zur Tagesordnung übergangen. Schließlich wartet auf die HSG Konstanz über Weihnachten eine so wohl einmalige Belastung. Am Freitag wird in Dessau gespielt, am Dienstag in Hamm. Macht 2600 Kilometer im Mannschaftsbus für Spieler und Verantwortliche über das „Fest der Familie“.

Kurios dabei: Manche Vereine genießen an den zuschauerträchtigsten Spielterminen über die Weihnachstage – das Christmas-Game in Konstanz lockte im vergangenen Dezember über 1600 Fans – zweimal Heimrecht, andere zumindest einmal, während andere wiederum zweimal auf Reisen sind, die im Konstanzer Fall auch noch sehr weit sind. „Wir nehmen das hin wie es kommt“, möchte sich HSG-Präsident Otto Eblen trotz des kuriosen Spielplans mit dem letzten Hinrunden- und ersten Rückrundenspiel dennoch nicht beschweren. „Das einzige, was wir tun können und was wirklich zählt ist gewinnen – auch wenn das keiner erwartet.“ Schließlich, so sagt sein Sohn und HSG-Cheftrainer Daniel Eblen „viel schwerer als in Dessau und in Hamm geht es nicht.“

Etappe eins in Anhalt führt die HSG mit Abfahrt am Donnerstagmittag zum Überraschungsteam der Saison. Dessau, im letzten Jahr wie die HSG in die 2. Bundesliga aufgestiegen, spielt „eine riesen Saison“, wie Tom Wolf zusammenfasst. Daniel Eblen nötigt vor allem die hervorragende Arbeit von Trainer Uwe Jungandreas, der zuvor den rumreichen SC Magdeburg in der 1. Bundesliga betreut hatte, größten Respekt ab. „Wenn es eine Tabelle gäbe, wer aus den Voraussetzungen das Beste macht, wäre Dessau sicher ganz vorne.“ Zudem hat sich der DRHV zu dieser Saison gut verstärkt, hat nun mittlerweile sechs Tschechen im Team, mit Neuzugang Libor Hanisch am Kreis und Linksaußen Marek Vanco sogar zwei aktuelle A-Nationalspieler. Dazu kommen viele ehemalige Spieler der im weiteren Umkreis liegenden Erstligisten SC Magdeburg, SC DHfK Leipzig und den Füchsen Berlin. Aktuell sind es alleine acht Spieler, die zuletzt für einen den drei Bundesligisten aufliefen, einige mehr haben über eine Zwischenstation den Weg nach Dessau gefunden.

„Sie spielen eine sehr aggressive Abwehr und haben mit Philip Ambrosius einen guten Torwart“, warnt der HSG-Coach. „Aber auch der Kreis ist mit Hanisch, die Spielmacherposition mit Vincent Sohmann gut besetzt. Sie haben einen ganz dichten Kader.“ Damit mischt Dessau derzeit die 2. Bundesliga auf und ärgert die Spitzenteams der Liga, zu denen der DRHV selbst längst zählt. Bis auf Platz fünf schob sich der traditionsreiche Ex-Erstligist, der mittlerweile seine 22. Saison in Liga zwei absolviert. Bei den beiden schweren Aufgaben über Weihnachten muss Konstanz dabei auf Toptorschütze Paul Kaletsch – viertbester Torschütze der 2. Bundesliga – verzichten, der ebenso wie Stefan Hanemann, Michael Oehler, Benjamin Schweda, Samuel Wendel und Sebastian Bösing verletzt ausfällt. Mathias Riedel ist zwar weiter angeschlagen, befindet sich aber auf dem Weg der Besserung.

Doch Daniel Eblens Freude am vergangen Samstag nach dem Spiel gegen Essen war auch deshalb so groß, weil die bislang weniger zum Einsatz gekommenen Tom Wolf und Max Schwarz mit neun und acht Toren ihr großes Potenzial unter Beweis stellten, Max Wolf hatte schließlich schon in Dresden für Furore gesorgt. „Die zwei Punkte waren wichtig, auch, dass wir endlich ein knappes Spiel für uns entschieden haben“, meint der A-Lizenzinhaber und fügt an: „Aber toll war auch, dass und wie die Jungs das in dieser Formation geholt haben. Die Jungs kennen jetzt unsere Abläufe.“

Nach der Abreise am Donnerstag und der Rückkehr am Samstagmorgen bleibt immerhin noch der „Heilige Abend“ für die Familie, während am 25. Dezember schon die nächste Fahrt Richtung Hamm zum Spiel am Dienstag ansteht, von der die HSG schließlich am Mittwochmorgen zurückkehren wird. Eine immense Belastung, da über die Feiertage noch die Nachbereitung der ersten und die Vorbereitung auf die zweite Partie ansteht. Vor allem für Trainer Eblen ein Fulltime-Job. „Beide Hallen werden über Weihnachten sicher voll sein, darauf freuen wir uns“, lächelt er, obwohl er auch gerne eine Partie vor eigenem Publikum ausgetragen hätte.

In Hamm erwartet ihn stattdessen ein weiterer Ex-Erstligist, der als Tabellenvierter aussichtsreich im Kampf um den Aufstieg platziert ist. Seit fünf Spielen ist der ASV Hamm ungeschlagen und verfügt – wie zuletzt Essen – über ein riesengroßes Selbstvertrauen. Die Nordrhein-Westfalen gelten als eines der heimstärksten Teams der 2. Bundesliga, das daheim nicht nur 15:3 Punkte aufzuweisen hat, sondern sogar Topteams wie Erstligaabsteiger Balingen (39:28) und den Tabellenzweiten Bietigheim (35:19) regelrecht aus der Halle gefegt hat. Tortorschütze ist der letztjährige Zweitliga-Toptorjäger Vyron Papadopoulos, dazu sind der österreichische Nationalspieler Christoph Neuhold und der aus der ersten Liga verpflichtete Julian Krieg brandgefährlich.

„Das ist mit die schwerste Aufgabe, die es auswärts in dieser Liga gibt“, zeigt Eblen trotz des knappen 24:21-Erfolges von Hamm im Hinspiel auf, als die Gäste erst in den letzten Minuten den Sieg sicherstellen konnten. Mit Blick auf die Leistungsexplosion bei Tom und Max Wolf sowie Max Schwarz bekennt er: „Vom Trainer wird erwartet, für jedes Spiel die optimale Lösung zu finden. Das ist nicht immer einfach. Ich hoffe, dass wir uns jetzt mit drei Spielern auf Halblinks und vier auf Halbrechts so stabilisieren, dass wir immer entsprechend reagieren können – zur Not auch ohne unseren Toptorschützen.“ Diese zuletzt als Mannschaft schon gegen die fünf Topteams der Liga gezeigte Stabilität, die dort trotz guter Leistung noch nicht mit Punkten belohnt wurde, möchte der 43-Jährige nun dauerhaft konservieren und hofft, dass damit nun „stabil Punkte geholt werden.“ Denn die Wünsche zum Fest und Jahresausklang sind klar: „Wenn wir noch etwas Zählbares holen, wäre das richtig stark. Und wenn wir uns daneben auf Halbrechts auch ohne Paul auf hohem Niveau stabilisieren, haben wir unabhängig davon auf jeden Fall etwas gewonnen.“

Dessau-Roßlauer HV  ASV Hamm-Westfalen  HSG Konstanz

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