HG Oftersheim/Schwetzingen bricht mit Vorfreude zu neuen Ufern auf.


Nordbadische Derbys starten nun im "Osten - Dauerkarten-Vorbestellung läuft.

„Die Spielklasse sollte eigentlich in ,Mitte‘, umgetauft werden“, meinte der Eppelheimer Harry Sauer beim ersten Blick auf die neue Einteilung des Deutschen Handballbundes (DHB) der Drittliga-Staffeln für die Saison 2018/. Sauer ist als Vize-Präsident des badischen Verbandes (BHV) für den Spieltechnik zuständig und hätte sich für „seine“ Vereine vielleicht eine etwas andere Zusammenstellung gewünscht. Aber im Großen und Ganzen sieht er das Konstrukt als recht gelungen an. Selbstverständlich liegen weder die kurpfälzischen noch die hessischen Drittliga-Standorte in Bereichen, die bei uns hinlänglich unter “Osten“ verstanden wird. Dies dürfte wohl nur auf das sächsische Leipzig und das thüringische Eisenach zutreffen.

Denn – gemeinsam mit der SG Nußloch – verlässt die HG Oftersheim/Schwetzingen ihre südliche Komfortzone nicht gänzlich unerwartet und wurde in der Oststaffel eingruppiert. Es ist eine Zusammenstellung aus nordbadischen, hessischen, fränkischen Vereinen, hinzu kommen dann noch Zweitliga-Absteiger Eisenach und Leipzig II. Diese Form der Entwicklung war schon länger absehbar. Reichte die Südstaffel in ihrem Gründungsjahr 2010 noch vom  Bodensee bis an die Eifel (siehe Grafik 1), nahm in den folgenden Spielzeiten, spätestens ab 2014 sogar extrem, die Konzentration an Drittligisten in Baden-Württemberg immer mehr zu. Die meisten waren gekommen, um zu bleiben, was nicht nur an erfolgreichen Klassenerhalten festzumachen ist, sondern auch dem mehrmaligen Verzicht auf das Aufstiegsrecht in die seit dieser Zeit einteilige 2. Bundesliga geschuldet ist. So gibt es dieses Jahr allein 15 Baden-Württemberger (2010 waren es nur acht), die in der Drittklassigkeit untergebracht werden wollen.

Offenheit und Neugierde
Auch Peter Knapp, Vorsitzender der HG Oftersheim/Schwetzingen, schlägt mit seinem Kommentar in die gleiche Kerbe wie eingangs Sauer: „Ganz nüchtern betrachtet ist die ‚Oststaffel‘ in der neuen Saison ja auch eher eine deutlich angenehmere ‚Staffel Mitte‘ geworden.“ Überhaupt hält sich eine Enttäuschung bei der HG O/S, wenn überhaupt vorhanden, in engen Grenzen. Es überwiegt die Freude über zu erwartende „neue Erfahrungen“ (stellvertretender Vorsitzender Michael Zipf). „Gehen wir´s mit Offenheit und Neugierde an. Schließlich gibt es zahlreiche Gründe, sich auf die kommende Saison zu freuen.“

Bei den ehemaligen Staffelkameraden wurde die Verschiebung von Oftersheim/Schwetzingen und Nußloch  sowie die anhaltende „Verbannung“ der beiden Hirschberger Vereine SG Leutershausen und Großsachsen meist mit Bedauern registriert. Doch die Trauer über den Verlust früherer Weggefährten ist weitgehend sehr zurückhaltend, falls sie überhaupt registriert wird. Beim TuS Dansenberg heißt es: „Einzig die Einteilung von Nußloch und Oftersheim/Schwetzingen in den Osten bedauert Coach Mirko Sliwa, denn diese zwei Teams gehören seiner Meinung nach absolut in den Süden“. Aber dann hätten sein Team und die anderen linksrheinischen Mannschaften anderswo unterkommen müssen.

Haßlochs sportliche Leiter Thomas Müller lässt bekannt geben: „Uns hat die Einteilung allerdings etwas überrascht. Dadurch fehlen uns schon vier interessante Derbys.“ Leichte Wehmut klingt auch beim Kommentar von Aufsteiger TV Willstätt durch. Dessen sportlicher Leiter Rudi Fritsch, Vater des von der HG zu Nußloch wechselnden Rückraumspielers Adrian Fritsch, bekundet: „Die Einteilung wurde nach geographischen Punkten vorgenommen, damit keine überlangen Fahrtstrecken auf die Mannschaften zukommen. Ich habe nichts anderes erwartet. Mein Sohn Adrian hat sich allerdings richtig geärgert, denn er hätte gerne gegen den TV Willstätt gespielt.“

Nicht nur Eigeninteressen beachten
Aus südfokusierter Sicht (Oberligabereich Baden-Württemberg/kurz BWOL) bietet sich natürlich auf den ersten Blick eine alternative Lösung mit den 15 BW-Mannschaften ergänzt um den oberbayerischen TuS Fürstenfeld an. Das wäre eine runde, kompakte Sache gewesen (mit 62908 Kilometern insgesamt). Aber eben nur aus erster auf Eigeninteressen beschränkter Sicht. Denn wohin mit den vier Teams von der anderen Rheinseite. Die Vereine aus dem Oberligabereich von Rheinhessen, Pfalz, Saarland und Rheinland (abgekürzt RPS) stehen deutschlandweit gesehen recht isoliert in ihrer Südwestecke. Und es gibt noch weitere „große weiße Flächen“ (DHB-Frauen-Spielleiter Horst Keppler).

Jetzt fahren sie und ihre verbliebenen BW-Gegner zum Gegenbesuch fast permanent via Walldorfer Kreuz zu ihren Auswärtsspielen und dürfen stumm Richtung Nußlocher Olympiahalle und Schwetzinger Nordstadthalle winken. Ein Austausch der verschobenen vier Nordbadener (alle aus dem Rhein-Neckar-Kreis) mit Haßloch, Dansenberg, Zweibrücken und Saarlouis böte sich zwar an, aber würde diesen ziemliche Entfernungen bescheren. Denn die Strecke von der französischen Grenze ins sächsische Leipzig beträgt immerhin beinahe 600 Kilometer – einfach. Da sind es an die Schweizer Grenze zu Konstanz (354 Kilometer) oder vor die Tore Münchens zu Fürstenfeldbruck (433,3 Kilometer) ja fast nur Katzensprünge.

Entfernungstechnisch günstiger erscheint da eine Verlegung des RPS-Quartetts in den Westen (maximal 407 Kilometer von Zweibrücken nach Ahlen). Doch dort vier Mannschaften herauszueisen scheint der Quadratur des Kreises zu gleichen, denn überall müsste andere enge Nachbarschaften auseinander gerissen werden.

So hält die Spielkommission zu ihrem einstimmigem Beschluss in einer Mitteilung auch fest: „In der von den Vereinsvertretern maßgeblich mit erarbeiteten Staffeleinteilung sind nun so viele Lokalderbys bestmöglich berücksichtigt. Zudem haben es die Planer geschafft, einfache Fahrtstrecken von über 500 Kilometern zu vermeiden. Zu berücksichtigen war auch die immer größer werdende Anzahl an zweiten Mannschaften, was im Jahr der stattfindenden Weltmeisterschaft und der damit verbundenen Spielpause in den Bundesligen bedeutsam werden kann.“ In seinem Fazit meinte Kommissionsvorsitzender Michael Kulus, der auch Drittliga-Spielleiter ist: „Anhand der zugrunde gelegten Kriterien ist eine optimale Staffeleinteilung für die 3. Liga der Männer gelungen.“

Und gerade die lokalen Duelle sind es, die in Schwetzingen und Oftersheim eine gewisse Erwartungshaltung schon im Vorfeld wecken. Sieht es Jochen Kühnle (Abteilungsleiter TSV Oftersheim) noch ganz pragmatisch: „Drei mal Derby“, meint der sportliche Leiter Martin Schmitt: „Ich freue mich auf die Derbys, die neuen Herausforderungen, Gegner und Hallen.“ Ebenso äußert sich Trainer Holger Löhr: „Ich sehe das sportlich und freue mich auf die neuen Gegner und natürlich auch auf SGL und TVG.“

Nordbadische Knallerderbys
Diese Einschätzungen werden auch von den Clubs an der badischen Bergstraße geteilt. Uwe Rahn spricht in den Weinheimer Nachrichten für den TVG Großsachsen: „Das ist viel besser als im letzten Jahr. Die beiden Derbys tun uns verdammt gut, auch wenn jetzt Nußloch und Oftersheim/Schwetzingen in den sauren Apfel beißen müssen. Die Staffel hat sicher an Niveau gewonnen, auch wenn wir natürlich gerne wieder in unsere angestammte Südstaffel zurückkehren würden.“

Uli Roth von der SG Leutershausen sieht dies an gleicher Stelle fast genauso: „Wir sind geographisch zwar immer noch nicht im Osten, aber ich habe Verständnis dafür, dass die Vierteilung der Republik leine leichte Aufgabe für die Kommission ist. Natürlich lebt jeder Verein seinen Egoismus, aber wir sind froh, dass wir mit Nußloch und Oftersheim/Schwetzingen jetzt wenigstens zwei Derbys mehr haben.“

„Zunächst hat uns die Einteilung etwas überrascht, bei genauerem Hinsehen jedoch sind wir mit der Einteilung ganz zufrieden“, meint Nußlochs Manfred Gspandl in einer SGN-Mitteilung. „Insgesamt sind die Fahrtstrecken nicht wesentlich weiter als in der Süd-Staffel, es fallen zwar das Derbys gegen die RNL II und die erweiterten Lokalduelle gegen Pforzheim, Heilbronn und Haßloch weg. Dafür bekommen wir mit Leutershausen und Großsachsen sowie der HG drei Knallerderbys.“

Etwas zwiespältig ist die Einschätzung des diensthabenden HG-Kapitäns Simon Förch: „Aus meiner Sicht ist es zum einen schade, weil wir die Mannschaften und Spieler in der Südgruppe mittlerweile kennen und uns in vielen umkämpften Duellen gegenüber gestanden haben. Auf der anderen Seite erwarten uns jetzt neue Mannschaften und Hallen, die neue Erfahrungen und Aufgaben mit sich bringen. Von den Auswärtsfahrten her hält sich die Oststaffel auch in Grenzen. Mit Leipzig, Eisenach und den bayrischen Vertretern sind zwar einige lange Reisen dabei. Diese hätten wir im Süden mit Fürstenfeldbruck und Konstanz allerdings auch. Der Hauptteil der Gegner liegt ja im Hessischen Raum. Außerdem freue ich mich auf die Derbys gegen Leutershausen, Großsachen und Nußloch, welche immer Highlights sind. Auch die Fans können sich so auf etliche neue und interessante Mannschaften freuen.“

Was bietet nun die neue Eingruppierung für die HG?
Neben den drei Derbys im Rhein-Neckar-Kreis (16,4, 22,5 und 24,6 Kilometer einfach – mit dem Fahrrad sogar noch kürzer) sind die Wege zu den Südhessen Groß-Bierberau/Modau (72,4), Rodgau/Nieder-Roden (91,0) nicht allzu weit. Hanau (107,8), Bruchköbel (107,3), Gelnhausen (128,6), Wetzlar (143,7) liegen ebenfalls im bisherigen Bereich. Lediglich für Erlangen und Bruck (je 259,7), Baunatal (263,7), Eisenach (269,9), Coburg (278,6) sowie Leipzig (468,3) wird mehr Sitzfleisch und wohl auch mehr Busverpflegung benötigt. Insgesamt muss der HG-Tross 5028,4 Kilometer (mit Rückreise) auf Deutschlands Autobahnen abspulen. Da hat Leipzig (fast 11000) mehr zu bewältigen (Osten komplett: 88063,2 km, West: 73572,4 Nord: 113940,8 Süd: 75387,6 Gesamt: 350964,0.).

Einziges Manko
Ein Haar in der Suppe hat Sauer dann aber doch noch ausgemacht: „Für Handball BW ist die Einteilung nicht so günstig. Es kann potentiell sechs baden-württembergische Absteiger aus den zwei Staffeln geben.“ Dies würde natürlich auf die BWOL drücken. Die Hessen hingegen sind alle in einer Gruppe vereint. Anders sieht es jedoch in Niedersachsen aus.

Weitere Reaktionen
Danijel Grgic (Trainer VT Zweibrücken): „Wirtschaftlich ist die Einteilung für den Verein sehr gut.“

Klaus Biehl (Abteilungsleiter VTZ): „Das ist eine Hammergruppe.“

Alexander Schurr (Trainer SV Kornwestheim): „Konstanz und Saarlouis sind als Zweitliga-Absteiger absolute Top-Favoriten auf die Meisterschaft. Da erwarten uns schon zwei echte Brocken. Mit Willstätt und dem TSV Baden-Baden stoßen zwei interessante Gegner aus der Baden-Württembergliga hinzu. Einige Teams wie der TuS Dansenberg und die TGS Pforzheim haben sich nochmals deutlich verstärkt. Daher erwarte ich wieder eine sehr starke 3. Liga, in der es ähnlich wie dieses Jahr, ein breites Mittelfeld, aber sicher auch die eine oder andere Überraschung geben wird."

Mirko Henel (sportlicher Leiter SVK): „Die neue Runde verspricht sportlich absolut herausfordernd zu werden. Die Tatsache, dass wir gleich zwei Absteiger aus der 2. Bundesliga zugeteilt bekommen haben, macht die Aufgabe umso reizvoller. Insgesamt gehe ich von unheimlich vielen ausgeglichenen Begegnungen aus. Das Leistungsniveau vom Großteil der Mannschaften wird in etwa auf dem gleichen Stand sein, was einen sehr interessanten Saisonverlauf vermuten lässt.“

Andre Melchert (sportliche Leiter HSG Konstanz): „Eine extrem starke, extrem ausgeglichene Liga, in der jeder jeden schlagen kann. In dieser Leistungsdichte und -breite ist die 3. Liga Süd sicher die stärkste aller Staffeln.“

Andreas Joas (HSG-Pressevertreter): „Eine faustdicke Überraschung und ein echter Hammer.“

Leipziger Volkszeitung: „Diese Staffeleinteilung sorgt für lange Gesichter.“

Enrico Henoch (Trainer SF LVB Leipzig, zukünftig SG Leipzig II als Unterbau von SC DHfK Leipzig): „Wir müssen das Beste daraus machen, haben aber zehn Fahrten mit mehr als 400 Kilometern zurückzulegen.“ Die attraktiven Ostvergleiche gegen Rostock, Schwerin, Potsdam oder Magdeburg würden fehlen.

Sebastian Gerdemann (Pressevertreter VfL Pfullingen): „Statt der ‚baden-württembergischen Wiedervereinigung‘ treten künftig auch die Teams aus Nußloch und Oftersheim/Schwetzingen in der Oststaffel an.“

Frederick Griesbach (VfL-Trainer): „Ich freue mich auf eine in der Spitze sicher spannende Saison.“

Dirk Hail (Vorstandsmitglied HC Oppenweiler/Backnang): „Die Südstaffel ist attraktiv und namhaft besetzt. Für uns ist jedes Drittligaspiel ein Highlight, auf die Württembergduelle freuen wir uns aber natürlich besonders. Dass die ersten sechs Mannschaften der Abschlusstabelle weiter in der Südstaffel spielen und gleich zwei Absteiger aus der zweiten Bundesliga hinzukommen, lässt in einer ersten vagen Einschätzung vermuten, dass das sportliche Niveau in dieser schon in der vergangenen Runde sehr stark besetzten Staffel nochmals ansteigen wird.“

Alexander Hornauer (Pressevertreter HC O/B): „Geschrumpft ist die nordbadische Fraktion. Schon in der Vorsaison spielten mit dem TV Germania Großsachsen und der SG Leutershausen zwei Teams von der Bergstraße in der Oststaffel. Nun hat es mit der HG Oftersheim/Schwetzingen und der SG Nußloch weitere ‚klassische‘ Südvereine erwischt. Die Bezeichnung ‚Ost‘ ist allerdings nicht zu eng zu sehen.“ (Grafik: fibas / Rechte: Junker).

 

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